Nicht von lachenden Kindern – sondern von ungeheilten Anteilen in Erwachsenen, denen Macht gegeben wurde
Wir werden von Kindern regiert.
Das klingt zunächst wie eine Beleidigung.
Es ist aber als psychologische Metapher gemeint.
Nicht von den Kindern, die morgens barfuß durch den Garten laufen.
Die lachen.
Singen.
Staunen.
Fragen.
Die sich streiten und fünf Minuten später wieder miteinander spielen.
Sondern von etwas anderem:
**Von ungeheilten kindlichen Anteilen in Erwachsenen.**
Von Angst vor Kontrollverlust.
Von Scham.
Von Kränkbarkeit.
Vom Bedürfnis, recht behalten zu müssen.
Von der Angst, Fehler einzugestehen.
Von ungeklärten Beziehungen zu Autorität.
Von der Unfähigkeit, Widerspruch auszuhalten.
Und manchmal bekommt all das plötzlich einen Titel.
Eine Robe.
Ein Büro.
Ein Mandat.
Personalverantwortung.
Eine Verfügungskompetenz.
**Das ist die eigentliche Gefahr.**
## Dies ist ausdrücklich keine Diagnose über Politiker, Richter oder Behördenmitarbeiter
Das muss am Anfang stehen.
Wir kennen die Kindheit eines Ministers nicht.
Wir kennen die Bindungsgeschichte einer Richterin nicht.
Wir wissen nicht, welche Erfahrungen ein Jugendamtsmitarbeiter gemacht hat.
Aus einer schlechten Entscheidung kann man keine Persönlichkeitsstörung diagnostizieren.
Aus Arroganz lässt sich kein Trauma beweisen.
Aus Abwehr keine Kindheitsvernachlässigung rekonstruieren.
Wer das behauptet, betreibt dieselbe Küchenpsychologie, die wir anderen vorwerfen.
Aber daraus folgt nicht, dass Psychologie für Machtstrukturen irrelevant wäre.
Ganz im Gegenteil.
Denn jeder Mensch bringt seine Geschichte mit.
Auch ins Amt.
**Macht löscht Biografie nicht.**
## Ein Erwachsener wird nicht automatisch emotional erwachsen
Wir behandeln Erwachsensein merkwürdig.
Mit achtzehn bist du volljährig.
Nach einer Ausbildung bist du Fachkraft.
Nach einem Studium Jurist.
Nach einer Wahl Politiker.
Nach einer Ernennung Richter.
Nach ausreichender Berufserfahrung Führungskraft.
Aber kein Zeugnis dieser Welt garantiert:
dass du Kritik aushalten kannst.
Dass du Verantwortung übernehmen kannst.
Dass du deine Scham regulieren kannst.
Dass du Fehler eingestehen kannst.
Dass du Macht nicht brauchst, um deinen Selbstwert zu stabilisieren.
Dass du Widerspruch nicht als Kränkung empfindest.
Dass du andere Perspektiven wirklich sehen kannst.
**Berufliche Qualifikation und emotionale Reife sind zwei unterschiedliche Dimensionen.**
Macht ist kein Reifezeugnis.
## Was frühe Erfahrungen mit späterem Verhalten zu tun haben können
Forschung zu belastenden Kindheitserfahrungen zeigt Zusammenhänge mit zahlreichen späteren psychischen und interpersonellen Schwierigkeiten.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zu belastenden und positiven Kindheitserfahrungen, PTSD und komplexer PTSD untersuchte unter anderem:
- Emotionsregulation,
- kognitive Bewertungen,
- zwischenmenschliche Beziehungen,
- Bindungsmuster
- und weitere mögliche Vermittlungsmechanismen.
Die Autoren betonen zugleich erhebliche Heterogenität und teilweise begrenzte Evidenz.
Genau diese Vorsicht ist entscheidend.
**Kindheit ist kein Schicksal.**
Ein Mensch, der Vernachlässigung erfahren hat, wird nicht zwangsläufig dysfunktional.
Manche der reflektiertesten und empathischsten Erwachsenen haben schwierige Kindheiten erlebt.
Manche Menschen mit sicheren Kindheiten verhalten sich später trotzdem destruktiv.
Psychologie funktioniert nicht nach:
> Trauma rein – schlechter Mensch raus.
Aber frühe Erfahrungen können prägen, wie Menschen mit Nähe, Bedrohung, Scham, Kontrolle und Konflikten umgehen.
Und deshalb darf man eine Frage stellen:
**Was geschieht, wenn wenig reflektierte Muster auf große Macht treffen?**
## Das verletzte Kind verschwindet nicht hinter der Bürotür
Stellen wir uns keinen konkreten Amtsträger vor.
Sondern einen Menschen.
Er hat vielleicht früh gelernt:
**Kontrolle bedeutet Sicherheit.**
Dann kann Kontrollverlust besonders bedrohlich werden.
Vielleicht hat er gelernt:
**Fehler führen zu Beschämung.**
Dann kann das Eingeständnis eines Fehlers später wie eine existentielle Niederlage wirken.
Vielleicht bedeutete Widerspruch früher:
**Ablehnung.**
Dann kann Kritik später weniger als Information und stärker als Angriff erlebt werden.
Vielleicht wurde Zugehörigkeit daran geknüpft, zu funktionieren.
Dann kann Leistung zur Grundlage des Selbstwertes werden.
Das sind mögliche Entwicklungswege.
**Keine Diagnosen.**
Nun geben wir diesem Menschen Macht.
Nicht über einen privaten Streit.
Sondern über andere Menschen.
Und plötzlich können persönliche Abwehrmuster institutionelle Konsequenzen bekommen.
## Macht heilt nichts
Ein Amt macht keinen Menschen reifer.
Eine Robe löst keine Scham auf.
Ein akademischer Titel verarbeitet keine Kindheit.
Eine Beförderung heilt kein verletztes Selbstbild.
Und Macht kann bestimmte psychologische Risiken sogar verstärken.
Forschung zu sozialer Macht hat gezeigt, dass Macht unter bestimmten experimentellen Bedingungen mit geringerer spontaner Perspektivübernahme verbunden sein kann.
Galinsky und Kollegen fanden in mehreren Experimenten, dass Teilnehmer in machtbezogenen Bedingungen stärker an der eigenen Perspektive ankerten und teilweise schlechter darin waren, Perspektiven oder emotionale Zustände anderer einzubeziehen.
Keltner, Gruenfeld und Anderson entwickelten zudem ein einflussreiches Modell, nach dem Macht stärker annäherungsorientiertes Verhalten und geringere soziale Hemmung begünstigen kann.
Das ist ein theoretischer Rahmen.
**Keine Behauptung, jeder Mächtige werde automatisch rücksichtslos.**
Gerade deshalb braucht Macht Gegengewichte.
Nicht weil jeder Mächtige schlecht wäre.
Sondern weil Mächtige Menschen bleiben.
## Der emotional reife Umgang mit Macht beginnt mit einem Satz
> **„Vielleicht liege ich falsch.“**
Das klingt banal.
Ist es aber nicht.
Dieser Satz verlangt viel.
Er verlangt, dass mein Selbstwert nicht daran hängt, recht zu haben.
Er verlangt, dass ich zwischen mir und meiner Entscheidung unterscheiden kann.
Dass eine falsche Entscheidung nicht automatisch bedeutet:
> Ich bin wertlos.
Dass Kritik nicht automatisch bedeutet:
> Du greifst mich als Person an.
Emotional reife Macht kann sagen:
> „Zeigen Sie mir den Widerspruch.“
Unreife Macht sagt:
> „Wie können Sie meine Autorität infrage stellen?“
## Scham ist hier ein Schlüssel
Menschen können mit Fehlern sehr unterschiedlich umgehen.
Ein wichtiges psychologisches Unterscheidungsmodell trennt stärker handlungsbezogene Schuld von stärker selbstbezogener Scham.
Vereinfacht:
Schuld kann lauten:
> „Ich habe etwas Falsches getan.“
Scham eher:
> „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Das ist keine absolute Trennung.
Aber sie ist empirisch fruchtbar.
Stuewig, Tangney und Kollegen fanden in mehreren Stichproben Hinweise darauf, dass Schamneigung über die Externalisierung von Schuld indirekt mit Aggression zusammenhing.
Schuldneigung zeigte dagegen andere, eher mit Empathie und Verantwortungsübernahme verbundene Zusammenhänge.
Nun übertragen wir das nicht diagnostisch, sondern strukturell auf Macht:
**Was geschieht in einer Institution, in der Fehler als Schande erlebt werden?**
Dann wird Fehlerkorrektur psychologisch teuer.
Vielleicht muss plötzlich jemand schuld sein.
Der Bürger.
Der Elternteil.
Der Vorgänger.
Die Umstände.
Die schwierige Lage.
Die fehlenden Informationen.
Alles ist leichter als:
> **„Wir haben falsch entschieden.“**
## Vielleicht ist institutionelle Arroganz manchmal nur Angst in Uniform
Auch das ist keine Diagnose.
Aber eine prüfenswerte Hypothese.
Arroganz wirkt nach außen wie Überlegenheit.
Sie kann funktional aber auch etwas anderes leisten:
Unsicherheit abwehren.
Zweifel fernhalten.
Kränkung vermeiden.
Ein fragiles Selbstbild schützen.
Menschen müssen nicht bewusst denken:
> „Ich habe Angst.“
Sie erleben vielleicht nur:
> „Dieser Bürger nervt.“
> „Dieser Vater ist schwierig.“
> „Diese Frau akzeptiert keine Entscheidungen.“
> „Diese Kritik ist unangemessen.“
Und schon wurde aus einer möglichen Herausforderung des eigenen Handelns ein Problem des anderen.
## Das Kind sagt: „Ich war es nicht“
Jeder kennt diesen Moment.
Eine Vase liegt am Boden.
Zwei Kinder stehen daneben.
> „Wer war es?“
> „Ich nicht!“
Das ist kindlich verständlich.
Verantwortung ist etwas, das Menschen erst entwickeln müssen.
Aber stellen wir uns dieselbe Struktur bei Erwachsenen mit Macht vor.
Eine Behörde trifft eine problematische Entscheidung.
Wer trägt Verantwortung?
Die Sachbearbeitung verweist auf das Gericht.
Das Gericht auf die fachliche Einschätzung.
Die fachliche Stelle auf die Aktenlage.
Die höhere Instanz auf den Entscheidungsspielraum.
Die Aufsicht auf die Unabhängigkeit.
Das Ministerium auf fehlende Zuständigkeit.
Jeder Satz kann formal nachvollziehbar sein.
Aber am Ende steht trotzdem eine Entscheidung.
Mit realen Folgen.
Und niemand war es.
Das ist **institutionalisierte Regression**.
Nicht im klinischen Sinn.
Als Metapher für eine Verantwortungsstruktur.
## Erwachsene Macht sagt nicht „Ich war es nicht“
Sie sagt:
> **„Das war mein Verantwortungsbereich. Ich prüfe meinen Anteil.“**
Nicht:
Ich bin allein schuld.
Nicht:
Alle anderen sind unschuldig.
Sondern:
Was war meine Entscheidung?
Welche Informationen hatte ich?
Was habe ich geprüft?
Was habe ich übersehen?
Was hätte ich anders tun können?
Wie verhindere ich eine Wiederholung?
**Das ist Reife.**
## Das Kind sagt: „Aber der andere hat angefangen“
Auch das kennen wir.
Ein Fehler wird angesprochen.
Antwort:
> „Aber schauen Sie doch, was der Vater gemacht hat!“
Oder:
> „Die Mutter hat sich aber auch nicht kooperativ verhalten.“
Oder:
> „Der Bürger war extrem aggressiv.“
Vielleicht stimmt das alles.
Aber es beantwortet die Ausgangsfrage nicht.
Wenn eine Behörde einen Fehler gemacht hat, wird dieser Fehler nicht dadurch richtig, dass der Bürger ebenfalls einen gemacht hat.
Zwei Menschen können gleichzeitig falsch handeln.
Zwei Institutionen ebenso.
Erwachsene Verantwortung kann das aushalten.
Kindliche Abwehr braucht häufig einen eindeutigen Schuldigen.
## Das Kind braucht Recht – der Erwachsene braucht Wahrheit
Ein unreifer Konflikt lautet:
> Wer gewinnt?
Ein reifer Konflikt lautet:
> **Was stimmt?**
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Wenn Institutionen Kritik primär als Machtkampf erleben, entsteht leicht der Drang, Autorität zu behaupten.
Das letzte Wort zu haben.
Den Vorgang zu schließen.
Die eigene Entscheidung zu bestätigen.
Aber Wahrheit kennt keine Hierarchie.
Ein Bürger kann einen Richter auf einen tatsächlichen Widerspruch hinweisen.
Eine Pflegefamilie kann eine Behörde auf einen Fehler aufmerksam machen.
Ein Kind kann wahrnehmen, was zehn Erwachsene übersehen.
**Institutioneller Rang erzeugt keinen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit.**
## Das Kind will geliebt werden – Macht muss Ablehnung aushalten
Menschen wollen Anerkennung.
Das ist normal.
Aber öffentliche Macht darf nicht davon abhängig sein.
Ein Minister darf nicht erwarten, geliebt zu werden.
Eine Behörde nicht.
Ein Gericht nicht.
Eine soziale Fachkraft ebenfalls nicht.
Wer Macht über andere ausübt, wird Menschen enttäuschen.
Entscheidungen werden kritisiert.
Manche Kritik wird ungerecht sein.
Manche beleidigend.
Manche falsch.
Andere vollkommen berechtigt.
Wer öffentliche oder professionelle Verantwortung trägt, muss diese Spannung aushalten können, ohne Kritik automatisch in Feindschaft umzudeuten.
**Das ist eine psychologische Anforderung an Macht.**
## Das Kind will Kontrolle – der Erwachsene hält Unsicherheit aus
Familienrecht ist voller Unsicherheit.
Psychologie ebenso.
Menschen sind komplex.
Kein Gutachten kennt einen Menschen vollständig.
Keine Akte enthält eine Familie.
Keine Statistik entscheidet einen individuellen Fall.
Eine reife Fachkraft kann sagen:
> **„Wir wissen es noch nicht.“**
Das ist fachliche Stärke.
Unreife Professionalität erlebt Nichtwissen dagegen als Bedrohung.
Dann muss schnell eine Geschichte her.
Der Vater ist schwierig.
Die Mutter instabil.
Das Kind manipuliert.
Das Kind unbeeinflusst.
Die Bindung sicher.
Der Umgang schädlich.
Etiketten erzeugen Ordnung.
**Aber Ordnung ist nicht Wahrheit.**
## Machtpositionen sind kein Therapieersatz
Das ist vielleicht die zentrale gesellschaftliche Botschaft.
Ein Amt darf nicht dazu dienen, den eigenen Selbstwert zu stabilisieren.
Eine Führungsposition nicht dazu, persönliche Ohnmacht zu kompensieren.
Eine Uniform nicht dazu, sich unangreifbar zu fühlen.
Eine Robe nicht dazu, Kränkbarkeit vor Kritik zu schützen.
Politische Macht nicht dazu, Bewunderung zu erzwingen.
Das bedeutet ausdrücklich nicht:
Menschen mit psychischen Belastungen dürften keine Verantwortung tragen.
Das wäre fachlich falsch und menschlich erbärmlich.
Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen oder traumatischen Erfahrungen sind hochreflektiert, stabil und verantwortungsvoll.
Das entscheidende Kriterium ist nicht:
> Hat dieser Mensch Verletzungen?
Fast jeder hat welche.
Sondern:
> **Wie geht er mit ihnen um?**
## Ein geheilter Mensch ist nicht jemand ohne Wunden
Sondern jemand, der nicht verlangt, dass andere ständig für seine Wunden bezahlen.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Du kannst eine schwierige Kindheit gehabt haben.
Du kannst Verlust erlebt haben.
Vernachlässigung.
Demütigung.
Kontrollverlust.
Das macht dich nicht ungeeignet für Macht.
Vielleicht macht es dich sogar verständnisvoller.
Aber nur dann, wenn du deine Geschichte zumindest ausreichend kennst, um sie nicht ständig mit der Gegenwart zu verwechseln.
Wenn Kritik heute automatisch wie die Beschämung von damals wirkt, besteht ein Risiko.
Wenn Kontrollverlust heute automatisch dieselbe Angst aktiviert wie früher, besteht ein Risiko.
Wenn Widerspruch heute wie Liebesentzug erlebt wird, besteht ein Risiko.
Und je größer die Macht eines Menschen, desto größer können die Folgen seiner unreflektierten Muster werden.
## Nicht das verletzte Kind ist das Problem
Das muss deutlich bleiben.
Wir alle tragen kindliche Anteile.
Verletzlichkeit.
Angst.
Sehnsucht.
Spiel.
Neugier.
Das Kindliche ist nicht krank.
Es ist ein Teil des Menschseins.
Das Problem entsteht, wenn ein verletzter Anteil unbemerkt die Führung übernimmt.
Wenn der Erwachsene formal unterschreibt, aber innerlich die Kränkung entscheidet.
Wenn der Richter formal Recht anwendet, aber Kritik subjektiv als Angriff erlebt.
Wenn die Führungskraft formal Personal führt, aber Widerspruch mit Loyalitätsbruch verwechselt.
Wenn politische Verantwortung formal ausgeübt wird, aber Macht zur Identitätsbestätigung gebraucht wird.
Noch einmal:
**Das sind mögliche menschliche Mechanismen.**
Keine Behauptungen über konkrete Personen oder Berufsgruppen.
## Wir brauchen keine psychisch „reinen“ Entscheidungsträger
Eine solche Vorstellung wäre selbst gefährlich.
Wer sollte diese Reinheit definieren?
Wer Menschen mit Diagnosen pauschal von Verantwortung ausschließen wollte, würde selbst neues Unrecht produzieren.
Die Forderung muss eine andere sein:
**Wir brauchen reflektierbare Macht.**
Macht, die kontrolliert wird.
Macht, die begründen muss.
Macht, die widersprochen bekommen darf.
Macht, deren Fehler sichtbar werden können.
Macht, die sich entschuldigen kann.
Macht, die korrigierbar ist.
## Institutionen müssen deshalb das leisten, was einzelne Menschen nicht immer schaffen
Kein Mensch ist vollkommen selbstreflektiert.
Deshalb baut ein kluger Staat nicht auf perfekte Persönlichkeiten.
Er baut Strukturen.
Vier-Augen-Prinzip.
Rechtsmittel.
Transparenz.
Begründungspflichten.
Unabhängige Kontrolle.
Akteneinsicht.
Öffentliche Kritik.
Parlamentarische Kontrolle.
Supervision.
Qualitätssicherung.
Ombudsstellen.
Das sind nicht nur juristische Instrumente.
**Sie sind psychologische Schutzmechanismen.**
Sie verhindern, dass die blinden Flecken eines einzelnen Menschen ungefiltert zur Realität anderer werden.
## Gerade deshalb ist institutioneller Selbstschutz so gefährlich
Denn wenn eine Institution Kontrolle eigentlich ausgleichen soll, sich aber selbst gegen Kontrolle verschließt, entsteht ein doppeltes Problem.
Die mögliche persönliche Fehlwahrnehmung bleibt bestehen.
Und die institutionelle Korrektur fällt aus.
Dann koppeln sich individuelle Abwehr und organisationale Homöostase.
Der Mitarbeiter verteidigt seine Einschätzung.
Die Abteilung verteidigt den Mitarbeiter.
Die Institution verteidigt ihre Praxis.
Die nächste Instanz vertraut der Institution.
Und plötzlich ist eine möglicherweise falsche Ausgangsannahme von so viel Autorität umgeben, dass sie beinahe unangreifbar wirkt.
Nicht weil sie wahrer geworden wäre.
Sondern weil immer mehr Menschen daran gebunden sind.
## Das System kann den Fehler schützen
Genau hier trifft die psychologische Ebene auf institutionelle Homöostase.
Ein System will Stabilität.
Menschen wollen psychische Stabilität.
Beides kann gesund sein.
Aber beide können beginnen, störende Informationen abzuwehren.
Dann entstehen dieselben Mechanismen auf zwei Ebenen.
Der Mensch sagt:
> „Ich kann nicht falschgelegen haben.“
Die Organisation sagt:
> „Unser Verfahren war ordnungsgemäß.“
Der Kritiker sagt:
> „Aber hier ist der Widerspruch.“
Und plötzlich wird nicht mehr der Widerspruch untersucht.
**Sondern der Kritiker.**
## Das ist der Moment, in dem Erwachsene wieder zu Kindern werden
Nicht weil sie dumm sind.
Nicht weil sie psychisch krank sein müssen.
Sondern weil Regression eine menschliche Möglichkeit ist.
Unter Druck werden Menschen defensiver.
Unter Scham.
Unter Bedrohung.
Unter Kontrollverlust.
Dann werden komplexe Situationen plötzlich einfach:
Gut gegen böse.
Wir gegen die.
Professionell gegen schwierig.
Vernünftig gegen irrational.
Das ist emotional entlastend.
**Aber gefährlich für Entscheidungen.**
## Gesellschaftliche Verantwortung bedeutet deshalb mehr als Wahlen und Gesetze
Eine Gesellschaft muss sich fragen, welche Kultur sie in ihren Institutionen belohnt.
Belohnt sie Menschen, die niemals Zweifel zeigen?
Oder Menschen, die gut prüfen?
Belohnt sie Fehlervermeidung um jeden Preis?
Oder ehrliche Fehlerkorrektur?
Gilt ein Eingeständnis als Schwäche?
Oder als Professionalität?
Wer steigt in Hierarchien auf?
Derjenige, der Probleme sichtbar macht?
Oder derjenige, der möglichst wenige Probleme nach oben meldet?
Solche Fragen sind mindestens ebenso wichtig wie individuelle Psychologie.
Denn Systeme wählen aus, welches Verhalten sich lohnt.
## Wir müssen aufhören, Autorität mit Reife zu verwechseln
Nur weil jemand entscheiden darf, bedeutet das nicht, dass er gut entscheidet.
Nur weil jemand eine Behörde vertritt, bedeutet das nicht, dass seine Wahrnehmung objektiv ist.
Nur weil jemand gewählt wurde, bedeutet das nicht, dass sein Charakter automatisch reifer geworden ist.
Nur weil jemand Jura studiert hat, bedeutet das nicht, dass er mit Kritik gut umgehen kann.
Nur weil jemand Psychologie studiert hat, bedeutet das nicht, dass er seine eigenen blinden Flecken vollständig kennt.
Ausbildung vermittelt Kompetenz.
Ämter vermitteln Befugnisse.
**Keines von beiden garantiert innere Reife.**
## Macht braucht Demut
Nicht Unterwürfigkeit.
Demut.
Das Wissen:
Ich kann irren.
Meine Perspektive ist begrenzt.
Mein Amt macht mich nicht wahrer.
Mein Status schützt mich nicht vor Selbsttäuschung.
Andere Menschen besitzen Informationen, die mir fehlen.
Meine Entscheidung betrifft möglicherweise ein Leben, das ich nur aus einer Akte kenne.
Diese Form von Demut ist kein spiritueller Luxus.
**Sie ist eine Sicherheitsvorkehrung.**
## Wer große Macht hat, braucht große Korrekturfähigkeit
Das ist vielleicht die eigentliche Formel.
Nicht:
> Je höher das Amt, desto weniger darf widersprochen werden.
Sondern:
> **Je höher die Macht, desto robuster muss die Fähigkeit sein, Widerspruch auszuhalten.**
Je schwerwiegender die mögliche Folge einer Entscheidung, desto stärker muss Gegenprüfung sein.
Je weniger der Betroffene sich einer Entscheidung entziehen kann, desto größer die Verpflichtung zur Selbstkontrolle.
**Das ist erwachsene Macht.**
## Vielleicht werden wir also gar nicht von Kindern regiert
Vielleicht werden wir von ganz normalen Erwachsenen regiert.
Menschen mit Geschichten.
Ängsten.
Blinden Flecken.
Verletzungen.
Stärken.
Schwächen.
Wie wir alle.
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Institutionen so tun, als verschwänden diese menschlichen Eigenschaften mit der Ernennung.
Als mache ein Amt objektiv.
Als mache Macht reif.
Als mache Professionalität immun gegen Projektion.
Als mache institutionelle Autorität Selbstreflexion überflüssig.
**Genau das tut sie nicht.**
## Das Kind in uns verdient Schutz – nicht Herrschaft
Es verdient Mitgefühl.
Heilung.
Spiel.
Nähe.
Es darf Angst haben.
Es darf traurig sein.
Es darf gesehen werden.
Aber wenn wir Verantwortung für andere übernehmen, braucht es einen erwachsenen Anteil, der führen kann.
Der sagt:
> „Ich bin gerade gekränkt – aber ich entscheide nicht aus meiner Kränkung.“
> „Ich schäme mich für den Fehler – aber ich korrigiere ihn trotzdem.“
> „Ich fühle mich angegriffen – aber ich prüfe zuerst, ob die Kritik stimmt.“
> „Ich habe Macht – aber diese Macht gehört nicht meinem Ego.“
**Das ist Reife.**
Und genau diese Reife muss eine Gesellschaft von Menschen verlangen, die tief in das Leben anderer eingreifen.
Nicht perfekte Kindheiten.
Nicht psychische Makellosigkeit.
Nicht emotionslose Funktionäre.
Sondern Erwachsene, die ihre eigene Menschlichkeit gut genug kennen, damit andere nicht unter ihren ungeprüften Anteilen leiden müssen.
Das Kind in uns verdient Heilung.
## Aber es darf nicht unkontrolliert über das Leben anderer entscheiden.
Denn ein Staat, eine Behörde, ein Gericht oder eine politische Institution wird nicht dadurch menschlicher, dass seine Entscheidungsträger keine Verletzungen haben.
Er wird menschlicher, wenn Macht mit der Fähigkeit verbunden ist, diese Verletzungen nicht an den Machtlosen weiterzugeben.
Das ist keine Schwäche.
**Das ist Reife.**
Und vielleicht ist es genau die Reife, die wir von jeder Form von Macht viel entschlossener verlangen sollten.
**Nicht in Wut. In Wahrheit liegt unsere Kraft.**
Dieser Beitrag wurde redaktionell geprüft und verantwortet von VA:TER.